Zusammenfassung:
Globale Herausforderung trotz Impferfolgen
Obwohl die Polio-Impfstoffe (IPV und OPV) die Krankheit stark reduziert haben und Polio-Wildviren nur noch in Afghanistan und Pakistan zirkulieren, gefährden Mittelkürzungen und vor allem vom Schluckimpfstoff abgeleitete Viren (cVDPV) das Ziel der weltweiten Ausrottung.
Gefahr in Europa und Deutschland
Der Nachweis dieser cVDPV im Abwasser europäischer Länder, einschließlich Deutschland, zeigt, dass das Risiko eines Wiedereintrags der Kinderlähmung real ist, auch wenn bisher keine klinischen Fälle aufgetreten sind.
Appell zur Impfung
Um eine Ausbreitung zu verhindern und die globale Eradikation zu sichern, ist es essenziell, die bestehenden Impflücken in Deutschland und weltweit dringend zu schließen.
Polio-Impfung: Erfolge und aktuelle Herausforderungen
Die Poliomyelitis (kurz Polio), auch bekannt als Kinderlähmung, ist eine schwere Infektionskrankheit, die durch Polioviren ausgelöst wird und zu dauerhaften Lähmungen oder sogar zum Tod führen kann. Der Name Kinderlähmung ist historisch, da kleine Kinder am häufigsten von den lähmenden Folgen der Infektion betroffen waren. Das Poliovirus kann deshalb gut ausgerottet werden, weil der einzige Wirt der Mensch ist. Durch eine breite Immunität in der Bevölkerung könnte so das Virus ausgelöscht werden.
Entwicklung der Impfstoffe
Zwei wichtige Impfstoffe wurden entwickelt, die maßgeblich zur Bekämpfung der Krankheit beigetragen haben:
* Jonas Salk entwickelte den inaktivierten Poliovakzin (IPV), einen Totimpfstoff, der gespritzt wird.
* Albert Sabin entwickelte kurz darauf den oralen Poliovakzin (OPV), den sogenannten Schluckimpfstoff, der lebende, aber stark abgeschwächte Viren enthält.
Dank dieser Impfungen konnten 20 Millionen Menschen vor Lähmungen und 1,5 Millionen vor dem Tod durch Polio bewahrt werden. Europa gilt seit 2002 als poliofrei.
Die globale Polio-Situation und das Ziel der Ausrottung
Die 1988 gegründete Globale Polioeradikationsinitiative (GPEI) verfolgt zwei Hauptziele:
1. Ausrottung der Polio-Wildviren (WPV): WPV Typ 1 (WPV1) zirkuliert weiterhin in Afghanistan und Pakistan. Die Zahl der Fälle stieg zuletzt wieder an, und die Viren tauchen auch in zuvor poliofreien Gebieten wieder auf.
2. Stopp der vom Impfstoff abgeleiteten Viren (cVDPV): In Gebieten mit niedrigen Impfquoten können die abgeschwächten Viren des Schluckimpfstoffs (OPV) mutieren und als cVDPV erneut Lähmungen verursachen.
Die Bemühungen werden durch Mittelkürzungen und die schwierige Sicherheitslage in vielen Ländern gefährdet.
Situation in Deutschland und Europa
Obwohl Europa poliofrei ist, zeigt der Nachweis von cVDPV Typ 2 in Abwasserproben in fünf europäischen Ländern, darunter Deutschland (in zehn Städten), dass das Risiko eines Wiedereintrags real ist. Bisher wurde in Europa kein klinischer Fall gemeldet.
Lücken in Deutschland: Trotz allgemein hoher Impfbereitschaft variieren die Impfquoten stark. Kinder sind oft länger ungeschützt, da die Grundimmunisierung verzögert abgeschlossen wird. Das Schließen dieser Impflücken ist essenziell, um eine Ausbreitung zu verhindern.
Auswirkungen und Empfehlungen für Reisende und Unternehmen
Die Gefahr einer internationalen Verbreitung von Polioviren führt zu speziellen Empfehlungen und Vorschriften der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Fernreisende und Unternehmen, die Mitarbeiter in Risikogebiete entsenden.
Für Fernreisende und entsandte Mitarbeiter:
Betroffene Länder
Kategorie 1: Afghanistan, Pakistan (WPV1) und Länder mit Zirkulation von cVDPV1 oder cVDPV3 (z.B. Mosambik, Rep. Kongo, Guinea)
Kategorie 2: Länder mit Nachweis von cVDPV2 (u.a. Deutschland, Finnland, Polen, Spanien, Vereinigtes Königreich)
Empfehlungen
Persönlicher Impfschutz: Ein vollständiger Impfschutz ist die wichtigste Basis. Bei Reisen in diese Risikogebiete wird eine Auffrischimpfung (IPV) empfohlen, falls die letzte Impfung länger als 10 Jahre zurückliegt. Auch in Kategorie 2 – Ländern sollte der Impfschutz überprüft und ggf. aufgefrischt werden, besonders angesichts der cVDPV-Nachweise im Abwasser.
WHO-Vorschriften (Impfnachweispflicht): Die WHO fordert die Länder der Kategorie 1 auf, von Langzeitreisenden (Aufenthalt > 4 Wochen) bei der Ausreise einen Impfnachweis zu verlangen, der belegt, dass eine Polio-Impfung 4 Wochen bis 12 Monate vor der Ausreise erfolgt ist. Bei dringenden Reisen ist eine Impfung zur Ausreise zwingend. Unternehmen müssen dies für ihre Mitarbeiter entsprechend planen.
Allgemeine Empfehlung:
Reisende, insbesondere in Regionen mit unklarer Gesundheitsversorgung oder instabiler politischer Lage, sollten ihren Impfstatus generell rechtzeitig vor Abreise (idealerweise 4-8 Wochen vorher) überprüfen lassen.
Empfehlungen für Unternehmen, die Mitarbeiter entsenden:
1. Arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge: Deutsche Arbeitgeber sind verpflichtet, bei Entsendungen in die Tropen, Subtropen und in Gebiete mit besonderen Infektionsgefährdungen eine Pflichtvorsorge durch einen Arbeitsmediziner sicherzustellen.
2. Impfmanagement: Bei erhöhtem Infektionsrisiko im Ausland muss der Arbeitgeber die erforderlichen Impfungen (wie Polio-Auffrischungen) ermöglichen und sicherstellen, dass die Mitarbeiter die internationalen Ein- und Ausreisebestimmungen bezüglich der Impfnachweise (besonders in Kategorie-1-Ländern) erfüllen.
Fazit
Polio zu eradizieren bleibt das Ziel. Bis zur globalen Ausrottung bleibt die WHO-Einstufung als gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite (PHEIC) bestehen. Nur eine verstärkte, globale Zusammenarbeit und die Schließung von Impflücken in Deutschland und weltweit – auch im Hinblick auf den internationalen Reiseverkehr – können dies erreichen.
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