Im indischen Bundesstaat Kerala wurde am 11. Juni 2026 ein bestätigter Fall einer Nipah-Virus-Infektion im Distrikt Kozhikode gemeldet. Die Diagnose wurde zunächst mittels PCR in regionalen Laboren gestellt und anschließend durch das Nationale Institut für Virologie in Pune bestätigt. Der betroffene erwachsene Mann entwickelte Ende Mai erste Symptome und musste aufgrund einer schweren neurologischen Erkrankung intensivmedizinisch behandelt und künstlich beatmet werden. Nach Bekanntwerden des Falls wurden 104 Kontaktpersonen, darunter 45 Beschäftigte des Gesundheitswesens, identifiziert und überwacht. Bislang wurden keine Sekundärfälle festgestellt. Die Infektionsquelle ist weiterhin ungeklärt; als wahrscheinliche Exposition gilt der Aufenthalt in einem von Flughunden bewohnten Lagergebäude.
Erreger: Nipah-Virus (NiV), RNA-Virus aus der Familie der Paramyxoviridae, Gattung Henipavirus.
Übertragung: Natürliche Reservoirwirte sind Flughunde der Gattung Pteropus. Die Übertragung erfolgt durch Kontakt mit infizierten Tieren oder deren Ausscheidungen, kontaminierten Lebensmitteln (z. B. Dattelpalmensaft) sowie durch engen Kontakt mit Körperflüssigkeiten infizierter Personen. Auch Übertragungen im Gesundheitswesen sind möglich.
Inkubationszeit: Meist 4–14 Tage, in Einzelfällen bis zu 45 Tage.
Symptome: Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Erbrechen und Atemwegsbeschwerden. Im weiteren Verlauf können Benommenheit, neurologische Ausfälle, Krampfanfälle und eine schwere Gehirnentzündung (Enzephalitis) auftreten.
Komplikationen: Schwere Enzephalitis, Atemversagen, Koma und Tod. Die Fallsterblichkeit liegt je nach Ausbruch zwischen etwa 40 und 75 %.
Therapie: Es existiert keine zugelassene spezifische antivirale Therapie oder Impfung. Die Behandlung erfolgt intensivmedizinisch und symptomorientiert. Experimentelle monoklonale Antikörper werden in Einzelfällen eingesetzt.
Bewertung der Situation
Der aktuelle Fall entspricht dem seit mehreren Jahren beobachteten Muster wiederkehrender Nipah-Ausbrüche in Kerala. Positiv ist, dass trotz der 100 überwachten Kontaktpersonen bislang keine weitere Übertragung nachgewiesen wurde. Die ungeklärte Infektionsquelle lässt jedoch offen, ob es sich um eine zoonotische Infektion oder eine Übertragung von Mensch zu Mensch handelt. Aufgrund der hohen Sterblichkeit und der Möglichkeit nosokomialer Übertragungen bleibt eine konsequente Infektionskontrolle erforderlich. Nach Einschätzung der WHO besteht ein moderates Risiko auf regionaler Ebene, während das Risiko einer internationalen Ausbreitung derzeit als gering bewertet wird.
Empfehlungen
Reisende: Reisemedizinische Beratung einholen. Reisen nach Kerala sind weiterhin möglich. Der Kontakt zu Flughunden sowie zu kranken Tieren sollte vermieden werden. Roher Dattelpalmensaft und von Fledermäusen angefressene Früchte sollten nicht verzehrt werden. Beim Besuch medizinischer Einrichtungen ist auf sorgfältige Hygiene zu achten. Bei Fieber oder neurologischen Symptomen während oder nach einer Reise sollte umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch genommen und auf den Aufenthalt in Kerala hingewiesen werden.
Unternehmen mit Entsendungen nach Indien: Arbeitsmedizinische Vorsorge sicherstellen. Mitarbeitende sollten vor Reisen nach Kerala über Übertragungswege und Schutzmaßnahmen informiert werden. Tätigkeiten mit Kontakt zu Fledermäusen oder deren Ausscheidungen sind zu vermeiden. Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten konsequent persönliche Schutzausrüstung verwenden und etablierte Infektionsschutzmaßnahmen einhalten. Ein routinemäßiger Reiseverzicht ist derzeit nicht erforderlich.
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