Würden Sie einen Klettergurt anlegen, auch wenn Sie wüssten, dass der Klettergurt Sie nicht 100% gegen jede Verletzung schützt?
Vermutlich ja! Sie würden einen Klettergurt tragen auch wenn der Schutz vor Verletzungen nur 70% beträgt, denn Sie wollen nicht abstürzen und Sie wollen auch nicht, dass Sie durch Ihren Absturz andere Menschen gefährden!
Genauso sollten Sie sich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen. Impfungen sind der beste Schutz gegen Infektionserkrankungen, sie sind nachgewiesen sicher, sie sind nachgewiesen wirksam und sie werden kontinuierlich überwacht. Die Grippe ist kein Schnupfen, Grippe oder Influenza ist eine schwere Infektionskrankheit, die selbst in einem hochentwickelten Land wie Deutschland jedes Jahr viele 1000ende Tote fordert… vermeidbar, unnötig. Denn es gäbe einen „Klettergurt“, es gäbe eine Impfung, die nicht die Infektion verhindert, die nicht jeden einzelnen schweren Verlauf oder Tot verhindert, die aber das Risiko drastisch verringert.
Als Arzt bin ich häufig mit Vorbehalten gegenüber der Grippeimpfung konfrontiert. Die meisten davon beruhen auf Missverständnissen und sind unbegründet.
Der Effekt wird umso stärker, je öfter und regelmäßiger man sich die jährliche Grippeimpfung holt.
Besonders bei älteren Menschen und Risikogruppen zeigt sich, dass die wiederholte jährliche Impfung einen enormen kumulativen (sich anhäufenden) Vorteil hat.
Eine viel beachtete klinische Studie aus Spanien (veröffentlicht im Canadian Medical Association Journal) untersuchte Senioren ab 65 Jahren, die über mehrere Jahre hinweg geimpft wurden. Die Ergebnisse waren eindeutig:
- Mildere Verläufe: Personen, die in der aktuellen und den drei vorherigen Saisons (insgesamt mindestens 4 Jahre in Folge) geimpft wurden, hatten ein deutlich geringeres Risiko für schwere Komplikationen.
- Krankenhausaufenthalte: Das Risiko, wegen einer schweren Grippe im Krankenhaus zu landen, war bei den regelmäßig Geimpften um 74 % geringer als bei Ungeimpften.
- Sterblichkeit: Das Risiko eines tödlichen Verlaufs sank sogar um 70 %.
Warum ist das so? Während die Antikörper, die vor einer reinen Ansteckung schützen, schnell abbauen und hochspezifisch für eine bestimmte Virusvariante sind, baut das Immunsystem durch die wiederholten Impfungen eine breite zelluläre Immunantwort (T-Zellen) auf. Diese T-Zellen erkennen auch leicht veränderte Grippeviren und verhindern, dass die Krankheit lebensgefährlich wird.
Was zu Hause richtig ist, ist auf Reisen umso richtiger! Die Grippeimpfung ist eine der wichtigsten Reiseimpfungen!
1. Influenza gehört zu den häufigsten impfpräventablen Reiseinfektionen
Eine Übersichtsarbeit aus dem Bereich der Travel Medicine bezeichnet Influenza als eine der häufigsten Infektionskrankheiten bei Reisenden. Für Reisen in subtropische und tropische Regionen wird eine Influenza-Infektion bei ungefähr 1 % der Reisenden angegeben. Damit gehört Influenza zu den häufigsten impfpräventablen Infektionen überhaupt. (Marti, F., Steffen, R., & Mutsch, M. (2008). Influenza vaccine: a travelers’ vaccine? Expert Review of Vaccines, 7(5), 679–687.)
Besonders interessant ist eine prospektive Studie an 387 australischen Reisenden nach Asien:
- 28 % entwickelten eine akute Atemwegsinfektion.
- 1 % erkrankten während der Reise nachweislich an Influenza A.
- Die Influenza-Inzidenz betrug 3,4 Fälle pro 10.000 Reisetage.
- Bei ungeimpften Reisenden lag die Influenza-Inzidenz etwa 3,5-fach höher als bei Geimpften; wegen der kleinen Fallzahl war dieser Unterschied allerdings statistisch nicht signifikant.
Influenza ist kein theoretisches Reiserisiko, sondern wird tatsächlich während der Reise erworben.
2. Der Reisende reist der Grippesaison entgegen
Das ist wahrscheinlich das stärkste Argument für die Grippeimpfung als Reiseimpfung.
Die Influenza-Saisonalität unterscheidet sich erheblich (CDC):
| Reiseziel | Typische Influenzaaktivität |
|---|---|
| Deutschland / nördliche Hemisphäre | etwa Oktober–April/Mai |
| Südliche Hemisphäre | etwa April–September |
| Tropen | ganzjährig möglich |
Ein deutscher Reisender kann daher beispielsweise im deutschen Sommer nach Südafrika, Australien oder Neuseeland reisen und dort mitten in der Grippesaison ankommen. Umgekehrt kann eine Reise nach Deutschland im europäischen Winter für Menschen aus der südlichen Hemisphäre ein relevantes Influenzaexpositionsrisiko darstellen.
Die amerikanische CDC weist ausdrücklich darauf hin, dass Reisende außerhalb ihrer heimischen Influenzasaison exponiert werden können und empfiehlt bei Reisen in Regionen mit laufender Influenzaaktivität eine Impfung, vorzugsweise mindestens zwei Wochen vor Abreise.
Auch die WHO weist darauf hin, dass Reisende beachten müssen, dass die Influenza-Saisonalität am Reiseziel von derjenigen im Heimatland abweichen kann. (Weltgesundheitsorganisation)
3. Flugzeug, Kreuzfahrtschiff und Reisegruppen sind epidemiologisch besondere Situationen
Reisen bedeutet häufig:
Flughafen → Flugzeug → Transfer → Hotel → Restaurant → Ausflüge → Gruppenaktivitäten
Damit entstehen zahlreiche Situationen mit engem Kontakt zu vielen Menschen aus unterschiedlichen Regionen.
Besonders gut dokumentiert ist das bei Kreuzfahrten und Massenveranstaltungen. Die CDC nennt ausdrücklich Kreuzfahrtschiffe und große Reisegruppen als Situationen, in denen Reisende mit Menschen aus Regionen zusammentreffen können, in denen gerade Influenza zirkuliert. (CDC, JTravMed)
Das erklärt auch, warum eine Grippeimpfung beispielsweise bei
- Kreuzfahrten,
- Pilgerreisen,
- Rundreisen mit Reisegruppen,
- großen Kongressen,
- internationalen Sportveranstaltungen
eine höhere praktische Bedeutung haben kann als bei einem zweiwöchigen Individualurlaub mit wenig Kontakt zu anderen Menschen.
4. Hajj ist ein besonders eindrucksvolles „Real-World-Experiment“
Die Pilgerreise nach Mekka ist eines der am besten untersuchten Beispiele.
Eine systematische Übersichtsarbeit zu Hajj-Pilgern fand bei symptomatischen Pilgern Influenza-PCR-Nachweise von 4,5–13,9 %. Influenza gehört damit zu den wichtigsten respiratorischen Infektionen bei diesem Mass Gathering. (PubMed)
Eine Meta-Analyse von 18 Studien mit 62.431 Pilgern errechnete eine Influenza-Prävalenz von 5,9 % (95%-KI 4,3–8,0). (PubMed)
Eine systematische Review von 42 Studien untersuchte Influenzaimpfung und andere Impfungen bei Hajj-Pilgern. In sechs Studien mit geeigneten Daten war die Influenzaimpfung gegen laborbestätigte Influenza signifikant wirksam: RR 0,56 (95%-KI 0,41–0,75). Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von ungefähr 44 %. (PubMed)
5. Influenza kann eine Reise erheblich beeinträchtigen
Influenza bedeutet nicht einfach „ein paar Tage Erkältung“. Bei Reisenden kann sie zu
- Fieber und ausgeprägter Abgeschlagenheit,
- Myalgien,
- Pneumonie,
- Hospitalisierung,
- vorzeitigem Reiseabbruch,
- verpassten Flügen,
- Quarantäne-/Isolationssituationen und
- erheblichen organisatorischen Problemen
führen.
Eine aktuelle deutsche Studie untersuchte Reisende, die nach Auslandsaufenthalt in einer deutschen reisemedizinischen Klinik mit Influenza diagnostiziert wurden. Von 68 Influenza-Patienten mussten 4,4 % hospitalisiert werden; 2,9 % erhielten antivirale Therapie und 11,8 % Antibiotika (PubMed). Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass Influenza bei internationalen Reisenden eine relevante Morbidität verursacht und die Impfquote insbesondere bei Risikopersonen verbessert werden sollte.
6. Besonders wichtig bei älteren und chronisch kranken Reisenden
Hier kommt ein zweiter Effekt hinzu: Reiseexposition + individuelle Vulnerabilität
Ältere Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Influenza-Komplikationen. Gerade diese Personen reisen heute häufig sehr selbstverständlich – beispielsweise auf Kreuzfahrten, Fernreisen oder längeren Rundreisen.
Nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer Infektion zählt – sondern auch die Konsequenz einer Infektion!
Die wichtigste Botschaft:
- Für Reisende gilt: „Die Grippesaison reist mit Ihnen.“
- Ob Reisender oder Arbeitnehmer, ob alter oder junger Mensch: lassen Sie sich gegen Influenza impfen!
Quellen
Annual revaccination against influenza and mortality risk in community-dwelling elderly persons
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