Trotz weltweiter Impferfolge zirkulieren Polioviren weiterhin. Der Weltpoliotag erinnert daran, warum Impfungen, internationale Zusammenarbeit und eine konsequente Gesundheitsvorsorge unverzichtbar bleiben.
Jährlich am 24. Oktober macht der Weltpoliotag auf eine der bedeutendsten Errungenschaften der modernen Medizin und eine noch ungelöste globale Gesundheitsaufgabe aufmerksam: die Ausrottung der Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung. Dank internationaler Impfprogramme sind die Erkrankungszahlen seit 1988 um mehr als 99 Prozent zurückgegangen. Dennoch ist die Krankheit nicht verschwunden. Solange Polioviren irgendwo auf der Welt zirkulieren, besteht grundsätzlich das Risiko ihrer internationalen Verbreitung.
Was ist Polio und wie wird das Virus übertragen?
Poliomyelitis ist eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die durch Polioviren verursacht wird. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich fäkal-oral, beispielsweise über verunreinigtes Wasser, Lebensmittel oder kontaminierte Hände. Besonders gefährdet sind Kinder unter fünf Jahren. Aber auch ungeimpfte Erwachsene können schwer erkranken.
Die Infektion verläuft häufig ohne erkennbare Beschwerden oder verursacht lediglich unspezifische Symptome wie Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Übelkeit. In einem kleinen Teil der Fälle befällt das Virus jedoch das Nervensystem und kann innerhalb kurzer Zeit zu irreversiblen schlaffen Lähmungen führen. Sind die Atemmuskeln betroffen, kann die Erkrankung tödlich verlaufen. Eine ursächliche Heilung gibt es nicht. Der wichtigste Schutz ist daher die Impfung.
Die globale Situation: Die Ausrottung ist noch nicht erreicht
Die weltweite Initiative zur Ausrottung der Poliomyelitis hat enorme Fortschritte erzielt. Von den drei Wildpoliovirus-Typen gelten Typ 2 und Typ 3 als ausgerottet. Wildpoliovirus Typ 1 zirkuliert weiterhin endemisch in Afghanistan und Pakistan. Dort erschweren unter anderem Sicherheitsprobleme, eingeschränkter Zugang zu Bevölkerungsgruppen und Impflücken die Unterbrechung der Übertragung.
Eine zusätzliche Herausforderung sind sogenannte zirkulierende impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV). Sie können in seltenen Fällen entstehen, wenn abgeschwächte Viren aus oralen Lebendimpfstoffen über längere Zeit in unzureichend immunisierten Bevölkerungsgruppen zirkulieren und sich genetisch verändern. Solche Ausbrüche zeigen, wie entscheidend eine hohe Impfquote ist: Erst eine ausreichend geschützte Bevölkerung verhindert, dass sich Polioviren dauerhaft verbreiten können.
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurden 2025 weltweit 238 Fälle durch zirkulierende impfstoffabgeleitete Polioviren in 30 Ländern gemeldet. Bis zum 30. April 2026 waren für das laufende Jahr bereits 32 Fälle in zwölf Ländern registriert. Diese Zahlen verdeutlichen, dass neben den verbliebenen Wildvirusreservoiren auch andere Regionen von Polioausbrüchen betroffen sein können.
Warum das Thema auch Deutschland betrifft
Europa gilt seit 2002 als poliofrei, bezogen auf eine anhaltende endemische Übertragung. Das bedeutet jedoch nicht, dass Einschleppungen ausgeschlossen sind. Im Herbst 2025 wurden in Hamburg Wildpolioviren in Abwasserproben nachgewiesen. Die genetischen Untersuchungen deuteten auf einen Zusammenhang mit Viren aus Afghanistan hin. Nach Angaben der WHO wurden im Anschluss keine weiteren positiven Wildpoliovirus-Nachweise aus Deutschland gemeldet.
Abwasseruntersuchungen sind dabei ein wichtiges Instrument der öffentlichen Gesundheitsüberwachung. Sie können eine Viruszirkulation anzeigen, auch wenn keine Erkrankungsfälle bekannt sind. Solche Nachweise sind nicht automatisch mit klinischen Erkrankungen gleichzusetzen, unterstreichen aber die Bedeutung eines zuverlässigen Impfschutzes und einer leistungsfähigen Surveillance.
Polioimpfung: Schutz für Kinder und Erwachsene
Die Schutzimpfung ist die entscheidende Voraussetzung, um Poliomyelitis endgültig auszurotten. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Polioimpfung als Standardimpfung im Kindes- und Jugendalter. Fehlende oder unvollständige Impfungen sollten nachgeholt werden. Auch Erwachsene sollten ihren Impfstatus überprüfen und sicherstellen, dass die empfohlenen Impfungen und Auffrischungen erfolgt sind.
Vor Reisen in Gebiete mit Polioviruszirkulation ist eine individuelle reisemedizinische Beratung sinnvoll. Je nach Reiseziel, Aufenthaltsdauer, Impfstatus und aktueller epidemiologischer Lage können zusätzliche Maßnahmen erforderlich sein. Für bestimmte Länder gelten zudem internationale Empfehlungen zur Polioimpfung bei längeren Aufenthalten und bei der Ausreise.
Weltpoliotag: Verantwortung über Ländergrenzen hinweg
Die bisherigen Erfolge zeigen, dass konsequente Impfprogramme Infektionskrankheiten zurückdrängen und ihre Ausrottung ermöglichen können. Gleichzeitig machen aktuelle Ausbrüche deutlich, dass Impflücken, Konflikte und unzureichende Gesundheitsversorgung diesen Fortschritt gefährden.
Der Weltpoliotag ist deshalb mehr als ein jährlicher Gedenktag. Er erinnert daran, den eigenen Impfstatus zu überprüfen, Impfangebote wahrzunehmen und internationale Maßnahmen zur Eindämmung der Poliomyelitis zu unterstützen. Denn die weltweite Ausrottung der Kinderlähmung ist erreichbar – vorausgesetzt, die Schutzmaßnahmen werden konsequent fortgeführt.
Ihr nächster Schritt: Lassen Sie Ihren Impfstatus überprüfen. Bei geplanten Fernreisen berate ich Sie gerne zu den erforderlichen Impfungen und weiteren reisemedizinischen Schutzmaßnahmen.
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