Globale Dynamiken, regionale Risiken und strategische Konsequenzen
Executive Summary
Die weltweite Gesundheitsrisikolage befindet sich in einer Phase grundlegender Umbrüche. Nach dem Abklingen der akuten COVID-19-Pandemie sind es nicht mehr einzelne Ereignisse, sondern strukturelle, langfristig wirkende Faktoren, die das globale Krankheitsgeschehen bestimmen. Gesundheit wird zunehmend durch politische Stabilität, ökologische Veränderungen, wirtschaftliche Resilienz und die Leistungsfähigkeit von Gesundheitssystemen geprägt. Die letzten zwölf Monate zeigen eine Zunahme gesundheitlicher Risiken in vielen Regionen der Welt, insbesondere dort, wo Konflikte, Klimawandel und schwache institutionelle Strukturen zusammenwirken.
Politische Entwicklungen und globale Gesundheitsfinanzierung
Politische Entscheidungen und geopolitische Entwicklungen wirken sich unmittelbar auf die Gesundheitsversorgung und die Eindämmung übertragbarer und nicht-übertragbarer Erkrankungen aus. Bewaffnete Konflikte, innere Unruhen und fragile Staatlichkeit führen in zahlreichen Ländern zur Zerstörung medizinischer Infrastruktur und zur Abwanderung qualifizierten Personals. Gleichzeitig haben Kürzungen internationaler Hilfs-, Forschungs- und Entwicklungsprogramme, unter anderem infolge politischer Prioritätenverschiebungen der US-Regierung, die Finanzierung zentraler globaler Gesundheitsinitiativen geschwächt. Besonders betroffen sind Programme zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose, Malaria und impfpräventablen Erkrankungen. Surveillance-Systeme verlieren an Leistungsfähigkeit, was die frühzeitige Erkennung von Ausbrüchen erschwert. Parallel dazu ist ein struktureller Wandel im globalen Public-Health-Ökosystem zu beobachten, bei dem Länder des globalen Südens zunehmend Verantwortung für Planung, Finanzierung und Umsetzung gesundheitlicher Maßnahmen übernehmen. Dieser Prozess stärkt langfristig die Eigenständigkeit, ist kurzfristig jedoch mit erheblichen Versorgungsrisiken verbunden.
Klima- und Umweltereignisse als Gesundheitsfaktor
Der Klimawandel ist zu einem der wichtigsten Treiber globaler Gesundheitsrisiken geworden. Zunehmende Hitzewellen, häufigere Extremwetterereignisse, Überschwemmungen und Dürren wirken sich direkt und indirekt auf die menschliche Gesundheit aus. Veränderte ökologische Bedingungen begünstigen die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern, während gleichzeitig Ernährungsunsicherheit und Wassermangel zunehmen. Besonders betroffen sind Afrika, Südasien und Lateinamerika, zunehmend aber auch Regionen des Mittelmeerraums. Klimaereignisse verstärken bestehende soziale und gesundheitliche Ungleichheiten und erhöhen die Vulnerabilität ganzer Bevölkerungsgruppen.
Luftqualität und nicht-übertragbare Erkrankungen
Die Luftverschmutzung stellt weiterhin ein erhebliches globales Gesundheitsrisiko dar. In vielen urbanen Zentren Südasiens, Chinas, des Nahen Ostens und Afrikas überschreiten Feinstaub- und Schadstoffwerte regelmäßig gesundheitsrelevante Grenzwerte. Die Folge ist eine steigende Belastung durch Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zunehmend auch jüngere Bevölkerungsgruppen betrifft. Nicht-übertragbare Erkrankungen gewinnen weltweit an Bedeutung, insbesondere dort, wo Umweltbelastungen mit eingeschränktem Zugang zu medizinischer Versorgung zusammentreffen. Auch für Reisende und entsandte Mitarbeiter stellt schlechte Luftqualität ein relevantes, oft unterschätztes Risiko dar.
Infektionskrankheiten – aktuelle globale Lage
Die globale Situation bei Infektionskrankheiten ist durch eine gleichzeitige Abnahme einzelner Risiken und eine deutliche Zunahme anderer geprägt.
Die aviäre Influenza (HPAI) zirkuliert weiterhin weltweit bei Wild- und Nutzvögeln, mit Übersprüngen über Speziesgrenzen, z.T. Ausbrüchen in Säugetierpopulationen und sporadischen humanen Infektionen. Eine nachhaltige Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist bislang nicht etabliert, dennoch bleibt das pandemische Potenzial bestehen.
SARS-CoV-2 hat sich in vielen Regionen endemisch etabliert, mit wiederkehrenden regionalen Wellen bei guter Immunität in der Gesellschaft. Die Krankheitslast konzentriert sich zunehmend auf ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen, während die gesellschaftliche Wachsamkeit abnimmt.
HIV, neue Therapien und strukturelle Herausforderungen
HIV bleibt trotz erheblicher medizinischer Fortschritte ein zentrales globales Gesundheitsproblem. Das neue Medikament Lenacapavir eröffnet durch seine lange Wirkdauer und hohe Wirksamkeit neue Perspektiven für Therapie und Prävention. Gleichzeitig stellen Finanzierungsengpässe, Lieferkettenprobleme und regulatorische Hürden erhebliche Barrieren für eine flächendeckende Einführung dar. Es bestehen große Sorgen, die bereits erreichten Erfolge in der Zurückdrängung von HIV, wieder einzubüßen. Insbesondere in Ländern mit hoher HIV-Prävalenz droht eine wachsende Diskrepanz zwischen medizinischem Fortschritt und realer Versorgung.
Wiederkehr impfpräventabler Erkrankungen: Masern und Polio
Die weltweite Zunahme von Masernausbrüchen verdeutlicht die Fragilität präventiver Gesundheitssysteme. In Nordamerika, Europa, Afrika und Asien führen Impflücken, Desinformation und eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung zu einer Wiederkehr einer eigentlich vermeidbaren Erkrankung. Auch Poliomyelitis bleibt in wenigen Ländern endemisch, während sinkende Impfquoten weltweit das Risiko von Re-Importen erhöhen. Beide Erkrankungen gelten als Frühindikatoren für strukturelle Defizite in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge.
Vektorübertragene Erkrankungen: Dengue, Malaria und Chikungunya
Vektorübertragene Erkrankungen zählen zu den am stärksten zunehmenden Gesundheitsrisiken der Gegenwart. Dengue verzeichnet in Lateinamerika, Südostasien und zunehmend auch in Afrika stark steigende Fallzahlen, begünstigt durch Urbanisierung, Klimawandel und globale Mobilität. Auch Malaria zeigt in mehreren Regionen wieder einen Aufwärtstrend. Besondere Sorge bereiten Artemisinin-Resistenzen in Südostasien und Ostafrika sowie die Ausbreitung von Anopheles stephensi, die Malaria in urbane Räume trägt und klassische Präventionsstrategien infrage stellt. Das neue Malariamedikament Ganaplasid bietet Hoffnung auf verbesserte Therapieoptionen, ist jedoch noch nicht flächendeckend verfügbar. Für Chikungunya stehen erstmals Impfstoffe zur Verfügung, dessen langfristige Wirkung von globalem Zugang und Akzeptanz abhängen wird. Auch Impfstoffe gegen Dengue sind inzwischen gut etabliert. Neue Impfstoffe z.B. gegen Meningokokken lassen eine Vereinfachung von Schutzstrategien erhoffen.
Antibiotikaresistenzen und XDR-Tuberkulose
Antimikrobielle Resistenzen stellen eine der größten langfristigen Bedrohungen für die globale Gesundheit dar. Die Zunahme multiresistenter und extensiv resistenter Erreger erschwert die Behandlung bakterieller Infektionen erheblich. Besonders problematisch ist die Entwicklung der XDR-Tuberkulose, die vor allem in Teilen Afrikas, Asiens und Osteuropas auftritt. Die Therapie ist komplex, kostenintensiv und langwierig und setzt leistungsfähige Gesundheitssysteme voraus, die in vielen betroffenen Regionen nicht ausreichend vorhanden sind.
Wasserassoziierte Erkrankungen und Cholera
Cholera bleibt ein klassischer Indikator für humanitäre Krisen. Wiederkehrende Ausbrüche treten insbesondere dort auf, wo Wasserversorgung, Sanitärinfrastruktur und staatliche Kontrolle zusammenbrechen. Konflikte, Fluchtbewegungen und klimabedingte Extremereignisse verstärken das Risiko erheblich und führen zu regionalen und teilweise grenzüberschreitenden Gesundheitskrisen. Dies ist derzeit insbesondere auf dem Afrikanischen Kontinent, der Fall. Die 5 Länder, die derzeit die meisten Cholera-Fälle berichten sind Democratic Republic of The Congo (8374), Afghanistan (7942), Yemen (7820), Süd-Sudan (1599) und Angola (1398).
Zoonotische Risiken: MERS-CoV, MPox und weitere Erreger
MERS-CoV spielt im Vergleich zum großen Ausbruch im Jahr 2014 heute eine deutlich geringere Rolle, dennoch zeigt die Verdopplung der gemeldeten Fälle im Jahr 2024 gegenüber 2023, dass zoonotische Risiken weiterhin präsent sind. MPox hat sich in Teilen Afrikas etabliert und bleibt aufgrund eingeschränkter Impfstoffverfügbarkeit auch international relevant. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass das Risiko neu auftretender oder wiederkehrender zoonotischer Erkrankungen weiterhin besteht.
Influenza – globale Dynamik und Variantenentwicklung
Die weltweite Influenzasituation bleibt volatil und ist durch regionale Unterschiede geprägt. Neue Virusvarianten, darunter Vertreter der K-Klade, erfordern eine kontinuierliche Anpassung der Impfstrategien. Für Reisende und entsandte Mitarbeiter bleibt Influenza ein relevantes Risiko, insbesondere in Regionen mit begrenztem Zugang zu medizinischer Versorgung.
Gesundheitsversorgung vor Ort und Verfügbarkeit medizinischer Ressourcen
Die Qualität und Quantität der Gesundheitsversorgung ist weltweit stark fragmentiert. In vielen Regionen führen Personalmangel, zerstörte Infrastruktur, eingeschränkte Finanzierung und unterbrochene Lieferketten zu einer unzureichenden medizinischen Versorgung. Die Verfügbarkeit von Medikamenten, Impfstoffen und Antiseren ist ungleich verteilt und häufig abhängig von politischen, wirtschaftlichen und logistischen Faktoren. Private medizinische Anbieter gewinnen an Bedeutung, stehen jedoch oft nur eingeschränkten Bevölkerungsgruppen zur Verfügung.
Psychische Belastungen für Reisende und entsandte Mitarbeiter
Neben physischen Erkrankungen nehmen psychische Belastungen für Reisende und entsandte Mitarbeiter deutlich zu. Unsicherheit, Gewalt, klimatische Extremereignisse, soziale Isolation und eingeschränkter Zugang zu medizinischer und psychosozialer Unterstützung wirken sich nachhaltig auf die mentale Gesundheit aus. Psychische Resilienz und präventive Unterstützungsangebote werden damit zu zentralen Erfolgsfaktoren internationaler Einsätze.
Regionale Entwicklungen und Prognose bis 2026
In den vergangenen zwölf Monaten haben die Gesundheitsrisiken insbesondere in Afrika, Lateinamerika, Südasien und in Konfliktregionen zugenommen. Die Prognose bis 2026 deutet darauf hin, dass vektorübertragene Erkrankungen, antibiotikaresistente Infektionen sowie gesundheitliche Folgen von Klimawandel und politischen Krisen weiter an Bedeutung gewinnen werden. Gleichzeitig besteht bei konsequenter Umsetzung medizinischer Innovationen und Präventionsstrategien die Möglichkeit, einzelne Risiken wie HIV-Mortalität, Malaria oder Chikungunya nachhaltig zu reduzieren.
Bedeutung für Reisende, Entsandte, Unternehmen und Reiseveranstalter
Für privat Reisende, entsandte Mitarbeiter und international tätige Unternehmen bedeutet die aktuelle Entwicklung, dass Travel Risk Management im Sinne von Gesundheitsvorsorge, individuelle Risikoanalysen und präventive Maßnahmen künftig eine noch zentralere Rolle einnehmen müssen. Reisebüros entwickeln sich zunehmend zu Schnittstellen zwischen Reiseplanung und Gesundheitsinformation und übernehmen eine wichtige beratende Funktion. Gesundheit wird damit zu einem strategischen Faktor internationaler Mobilität und wirtschaftlicher Tätigkeit.
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