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Gute Gründe für die Grippeimpfung im Betrieb und auf Reisen

Heute haben wir als Betriebsärzte eine Grippeimpfaktion in einem unserer betreuten Betriebe durchgeführt. Solche Gesundheitsschutz- und Gesundheitsförderungsaktionen werden erfahrungsgemäß dankbar angenommen, der Betrieb kann seine Fürsorge für die Mitarbeiter sichtbar machen und profitiert gleichzeitig von dem einen oder anderen verhinderten Krankheitstag:

Verschiedene Metaanalysen und klinische Studien weisen eine Reduktion der krankheitsbedingten Fehlzeiten zwischen 32-43% nach (Tingting Li et al., Bridges CB et al., Chisato I et al., Nichol KL et al., Ofori SK et al.).

und trotzdem…

Obwohl eigentlich alles zur Grippeimpfung gesagt ist und fundiert nachgelesen werden kann (RKI, BZGA) halten sich in der Bevölkerung doch uralte Vorbehalte gegen die Impfung. In der Praxis lässt sich das meist durch ein sachliches Gespräch auflösen.

Was ich immer wieder höre (interessanterweise auch von Ärzten), ist die Aussage, die Impfung würde ja nur einen 70% Schutz bieten und deshalb würde man sich nicht impfen lassen…

Und ja, die Schutzwirkung variiert von Saison zu Saison und ist tatsächlich nicht so, wie wir uns das wünschen würden. Aber…

Würden Sie einen Klettergurt tragen, obwohl er nicht 100% schützt?

Vermutlich ja!

Sie würden einen Klettergurt tragen auch wenn der Schutz vor Verletzungen nur 70% beträgt, denn Sie wollen nicht abstürzen und Sie wollen auch nicht, dass Sie durch Ihren Absturz andere Menschen gefährden!

Genauso sollten Sie sich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen. Impfungen sind der beste Schutz gegen Infektionserkrankungen, sie sind nachgewiesen sicher, sie sind nachgewiesen wirksam und sie werden kontinuierlich überwacht.

Die Grippe ist kein Schnupfen, Grippe oder Influenza ist eine schwere Infektionskrankheit, die selbst in einem hochentwickelten Land wie Deutschland jedes Jahr viele tausende Tote fordert… vermeidbar, unnötig. Denn es gäbe einen „Klettergurt“, es gäbe eine Impfung, die nicht die Infektion verhindert, die nicht jeden einzelnen schweren Verlauf oder Tot verhindert, die aber das Risiko drastisch verringert.

Der Effekt wird umso stärker, je öfter und regelmäßiger man sich die jährliche Grippeimpfung holt.

Besonders bei älteren Menschen und Risikogruppen zeigt sich, dass die wiederholte jährliche Impfung einen kumulativen Effekt hat.

Eine viel beachtete klinische Studie aus Spanien (Casado et al.) untersuchte Senioren ab 65 Jahren, die über mehrere Jahre hinweg geimpft wurden. Die Ergebnisse waren eindeutig:

  • Mildere Verläufe: Personen, die in der aktuellen und den drei vorherigen Saisons (insgesamt mindestens 4 Jahre in Folge) geimpft wurden, hatten ein deutlich geringeres Risiko für schwere Komplikationen.

  • Krankenhausaufenthalte: Das Risiko, wegen einer schweren Grippe im Krankenhaus zu landen, war bei den regelmäßig Geimpften um 74 % geringer als bei Ungeimpften.

  • Sterblichkeit: Das Risiko eines tödlichen Verlaufs sank sogar um 70 %.

Warum ist das so? Während die Antikörper, die vor einer reinen Ansteckung schützen, schnell abbauen und hochspezifisch für eine bestimmte Virusvariante sind, baut das Immunsystem durch die wiederholten Impfungen eine breite zelluläre Immunantwort (T-Zellen) auf. Diese T-Zellen erkennen auch leicht veränderte Grippeviren und verhindern, dass die Krankheit lebensgefährlich wird.

Die Grippeimpfung ist eine der wichtigsten Reiseimpfungen!

1. Influenza gehört zu den häufigsten impfpräventablen Reiseinfektionen

Eine Übersichtsarbeit aus dem Bereich der Travel Medicine bezeichnet Influenza als eine der häufigsten Infektionskrankheiten bei Reisenden. Für Reisen in subtropische und tropische Regionen wird eine Influenza-Infektion bei ungefähr 1 % der Reisenden angegeben. Damit gehört Influenza zu den häufigsten impfpräventablen Infektionen überhaupt. (Marti et al.)

Besonders interessant ist eine prospektive Studie von Ratnam et al. an 387 australischen Reisenden nach Asien:

  • 28 % entwickelten eine akute Atemwegsinfektion.

  • 1 % erkrankten während der Reise nachweislich an Influenza A.

  • Die Influenza-Inzidenz betrug 3,4 Fälle pro 10.000 Reisetage.

  • Bei ungeimpften Reisenden lag die Influenza-Inzidenz etwa 3,5-fach höher als bei Geimpften; wegen der kleinen Fallzahl war dieser Unterschied allerdings statistisch nicht signifikant.

Influenza ist kein theoretisches Reiserisiko, sondern wird tatsächlich während der Reise erworben.


2. Der Reisende reist der Grippesaison entgegen

Das ist wahrscheinlich das stärkste Argument für die Grippeimpfung als Reiseimpfung.

Die Influenza-Saisonalität unterscheidet sich erheblich (CDC):

Ein deutscher Reisender kann daher beispielsweise im deutschen Sommer nach Südafrika, Australien oder Neuseeland reisen und dort mitten in der Grippesaison ankommen. Umgekehrt kann eine Reise nach Deutschland im europäischen Winter für Menschen aus der südlichen Hemisphäre ein relevantes Influenzaexpositionsrisiko darstellen.

In tropischen Regionen ist die Saisonalität ganz aufgehoben, hier haben Reisende das ganze Jahr über ein Influenzarisiko.


3. Flugzeug, Kreuzfahrtschiff und Reisegruppen sind epidemiologisch besondere Situationen

Reisen bedeutet häufig:

Flughafen → Flugzeug → Transfer → Hotel → Restaurant → Ausflüge → Gruppenaktivitäten

Damit entstehen zahlreiche Situationen mit engem Kontakt zu vielen Menschen aus unterschiedlichen Regionen.

Besonders gut dokumentiert ist das bei Kreuzfahrten und Massenveranstaltungen. Die CDC nennt ausdrücklich Kreuzfahrtschiffe und große Reisegruppen als Situationen, in denen Reisende mit Menschen aus Regionen zusammentreffen können, in denen gerade Influenza zirkuliert. (CDC, Goeijenbier et al.)


4. Hajj ist ein besonders eindrucksvolles „Real-World-Experiment“

Die Pilgerreise nach Mekka ist eines der am besten untersuchten Beispiele.

Eine systematische Übersichtsarbeit zu Hajj-Pilgern fand bei symptomatischen Pilgern Influenza-PCR-Nachweise von 4,5–13,9 %. Influenza gehört damit zu den wichtigsten respiratorischen Infektionen bei Massenveranstaltungen. (Gautret et al.)

Eine Meta-Analyse von 18 Studien mit 62.431 Pilgern errechnete eine Influenza-Prävalenz von 5,9 % (95%-KI 4,3–8,0). (Safarpour et al.)

Eine systematische Review von 42 Studien untersuchte Influenzaimpfung und andere Impfungen bei Hajj-Pilgern. In sechs Studien mit geeigneten Daten war die Influenzaimpfung gegen laborbestätigte Influenza signifikant wirksam: RR 0,56 (95%-KI 0,41–0,75). Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von ungefähr 44 %. (Alqahtani et al.)


5. Influenza kann eine Reise erheblich beeinträchtigen

Influenza bedeutet nicht einfach „ein paar Tage Erkältung“. Bei Reisenden kann sie zu Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen, Lungenentzündung und vorzeitigem Reiseabbruch führen.

Eine aktuelle deutsche Studie untersuchte Reisende, die nach Auslandsaufenthalt in einer deutschen reisemedizinischen Klinik mit Influenza diagnostiziert wurden. Von 68 Influenza-Patienten mussten 4,4 % hospitalisiert werden; 2,9 % erhielten antivirale Therapie und 11,8 % Antibiotika (Brehm et al.). Die Autoren kommen deshalb zu dem Schluss, dass Influenza bei internationalen Reisenden eine relevante Morbidität verursacht und die Impfquote insbesondere bei Risikopersonen verbessert werden sollte.


6. Besonders wichtig bei älteren und chronisch kranken Reisenden

Hier kommt ein zweiter Effekt hinzu: Reiseexposition + individuelle Vulnerabilität

Ältere Menschen sowie Personen mit chronischen Erkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Influenza-Komplikationen. Gerade diese Personen reisen heute häufig sehr selbstverständlich – beispielsweise auf Kreuzfahrten, Fernreisen oder längeren Rundreisen.

Nicht nur die Wahrscheinlichkeit, sondern auch die Konsequenz einer Infektion zählt!

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Dr. med Til Berger

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